Büchereinewsletter
21.01.2026
BERG 2026 – Rezension zum 150. Band der AV-Jahrbücher
Berg 2026: BergWelten Großvenediger, BergFokus Wandel. Herausgegeben von DAV, ÖAV & AVS. Tyrolia Verlag Innsbruck. 255 S.
Wie in jedem Jahr liegt das neue Alpenvereinsjahrbuch auf dem Tisch. „Berg 2026“ ist ein besonderer Band, es ist die „Zeitschrift Band 150“. Der erste Band ist 1865, vor 160 Jahren erschienen; kriegsbedingt gab es einige jahrbuchlose Jahre. In unserer Vereinsbücherei stehen aus Platzgründen nur die letzten 10 Jahrgänge. Die älteren Jahrbücher (1865-2018) sind digitalisiert und können unter https://bibliothek.alpenverein.de/ eingesehen werden. Leider nicht digitalisiert ist das „Register der Alpenvereins-Jahrbücher 1926-1968“.
Das erste Jahrbuch widmete sich 1865 der Großvenediger-Gruppe. Der Beginn der Abhandlung von F. Simony „Aus der Venedigergruppe“ erinnert mich vom Stil an Alexander von Humboldts Naturbeschreibungen:
Zunächst beschränkte sich der Inhalt auf die österreichischen und deutschen Alpen; 1871 kam mit dem Beitrag „Das Innere Grönlands“ von Julius Payer der erste Blick auf ferne Eisregionen.
Für an der Kulturgeschichte der Alpen Interessierte sind die älteren Jahrbücher eine Fundgrube. Fast in jedem Band finden sich dazu Beiträge, z.B. „Wie die Künstler die Alpen dargestellt“, „Goethe und die Alpen“, „Über die Jodler und Juchzer in den österreichischen Alpen“. Auch die Wissenschaft kommt nicht zu kurz; es wäre z.B. interessant, die Angaben im Beitrag „Die Dauer der Schneedecke in den Ostalpen“ (1937) mit den heutigen Verhältnissen zu vergleichen.
Für uns Tübinger ist Band 41 (1910) von Interesse, er enthält den Beitrag „Aus dem Gebiete der Tübinger Hütte“ von Karl Blodig. Die Hütte war noch ganz neu, der Autor konnte Erschließer spielen, unbenannte Gipfel erstbegehen und „taufen“. Der Blodigturm erinnert an ihn. Begleitet wurde der Autor vom Hochgebirgsmaler E.T. Compton, und so finden wir in dem Band auch Wiedergaben seiner Zeichnungen.
In der Zeit des 1. Weltkriegs schlägt sich das Geschehen auch in den Jahrbüchern nieder, bei den grausamen Ereignissen der Alpenfront in Südtirol kann dies nicht verwundern. In den späten 1930-er Jahre dringt in etlichen Beiträgen die NS-Ideologie ein. Im Vorwort zum Band 1939 feiert Arthur Seys-Inquart, damals Reichsstatthalter der Ostmark, später Reichskommissar der Niederlande, dass er zum „Führer“ des Deutschen Alpenvereins berufen wurde, martialische Holzschnitte verzieren den Band.
1942 fabuliert der Südtiroler Schriftsteller Karl Springenschmid „es gibt kein Volk auf der Erde, das so vieles zur Prägung des Soldatentums wie des Bergsteigertums beigetragen hätte, wie das deutsche“; der NS-Rassenwahn scheint durch bei dem Beitrag „Die Alpenbewohner im Wandel der Rassensystematik“, der sich über nordische, alpine und mediterrane Schädelformen ausbreitet. Lange wich der Alpenverein einer Aufarbeitung dieser Zeit aus, noch im Band 1969 schreibt der damalige DAV-Vorsitzende Ulrich Mann zum 100-jährigen Vereinsjubiläum, es sei nach 1933 einigermaßen gelungen, den Verein vor der drohenden politischen Überfremdung zu bewahren. Erst im Band 1998 kommt ein längerer Artikel „Alpinismus im Hitlerstaat – Alpenvereine im Soge der Politik“.
Der Anteil der Autorinnen war in den ersten hundert Jahrbänden sehr gering, Beiträge wie Eleonore Noll-Hasenclever „Eine Besteigung des Bietschhorns“ (1911) sind die große Ausnahme. Demgegenüber gibt es im Jahrbuch 1976 eine extra Rubrik „Frauen“, im aktuellen Jahrbuch 2025 ist der Anteil der Autorinnen nahezu ausgeglichen. Seit den 1970-er Jahren geht es in den Jahrbüchern auch regelmäßig um Umweltprobleme sowie um Sicherheits- und Ausrüstungsfragen.
Was bringt der Jubiläumsband? Ich greife einige Beiträge heraus: Wie beim allerersten Jahrbuch steht auch beim 150. Band die Venedigergruppe im Mittelpunkt. Viel hat sich seitdem gewandelt, die Beiträge gehen auf Rückgang der Gletscher und der Verfirnung, auf die geänderten Verhältnisse und die dadurch bedingten Saisonverschiebungen ein.
Ein Artikel befasst sich mit dem AV-Grundeigentum in den Hohen Tauern, 333 km² sind es derzeit. Als in den 1979-er Jahren am Großvenediger ein großes Gletscherskigebiet geplant wurde und sich der AV als Grundeigentümer querlegte, sprachen manche im Tal – in der Angst die Entwicklung zu versäumen - schon davon, man müsse des AV enteignen.
Ein berührendes Stück alpiner Zeitgeschichte bringt ein Beitrag über ca. 8000 Jüdinnen und Juden, die 1948 als „Displaced Persons“ illegal den Krimmler Tauernpass überquerten, um die italienischen Häfen zu erreichen. Eine andere spannende Geschichte berichtet von der Landshuter Hütte am Brenner, die nach dem 1. Weltkrieg auf der österreichisch-italienischen Grenze stand und geteilt wurde – mit streng überwachter Grenze. 1928 wurde ein Innsbrucker Student verhaftet, weil er sich auf der Suche nach einem WC des unbefugten Grenzübertritts schuldig gemacht hatte. Alpine Gefahren anderer Art.
Am meisten verblüfft hat mich der Beitrag „Über Stock und Stab“. Der lange Bergstock war für mich ein Stück für’s alpine Museum; die Beschreibung seiner Einsatzmöglichkeiten anstelle von zwei Treckingstöcken weckt das Interesse auf‘s Nachmachen. Provozierend mag für manche der Artikel von Bachinger „Wer hat Angst - vor wem?“ sein, in dem über das Verhältnis von Wolf und Mensch nachgedacht wird.
Text: Dietrich Kratsch
