Internationaler Tag der Streuobstwiese

Streuobstwiesenwanderung: Traumwetter, ernsthaftes Lernen und gute Stimmung

Traumwetter und ein wunderbar klares Licht hatten die etwa 30 TeilnehmerInnen bei der Streuobstblütenwanderung am 26. April. Begrüßt wurden sie im Geigerschen Schaugarten in Kiebingen mit einem Apero von Secco oder Saft von Streuobstäpfeln und einer Ansprache von Bärbel Trescher vom Obst und - Gartenbauverein (OGV) Weilheim. Zum zweiten Mal wurde die mittlerweile fast schon traditionelle Blütenwanderung der Streuobstinitiative des DAV Tübingen in Kooperation mit zwei weiteren Organisationen durchgeführt, nämlich dem OGV und dem Schwäbischen Albverein Tübingen.

Anlass war der „Internationale Tag der Streuobstwiese“ am letzten Freitag im April mit Aktionen am Wochenende danach, wie Bärbel Trescher erklärte. Er wurde 2021 auf Initiative der österreichischen ARGE Streuobst initiiert. Ziel war es, ein europaweites Bewusstsein für die bedrohte Kulturlandschaft der Streuobstwiesen zu schaffen. Parallel dazu gab es Anstrengungen, den Streuobstanbau als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO anerkennen zu lassen, was in Deutschland auch schon 2021 gelang.

Die Wanderung nach der Begrüßung führte durch die begeisternde Landschaft am Nordrand des Rammert im Neckartal von Kiebingen nach Weilheim: zu durchstreifen waren eine (noch) traumhafte Obstbaumblüte und schon mit der Blüte beginnende Wiesen. Immer wieder gab es malerische Ausblicke auf das Neckartal, seine Hügel und Dörfer. Es war eine Wanderung, die auch zum Lernen bestimmt war: Denn immer wieder wurde angehalten für Erläuterungen von Sylvia Metz und Klaus Schmieder von der Streuobstwieseninitiative des DAV, die gelegentlich ergänzt wurden auch von anderen Teilnehmern.

Wir haben gelernt über die vielfachen Bedrohungen, denen die Streuobstwiesen ausgesetzt sind, und die in Württemberg zu einer Reduzierung des Bestandes von 18 Millionen Obstbäumen auf Streuobstwiesen in Jahr 1965 auf unter 6 Millionen heute geführt haben. Da ist zum einen der Verlust durch Siedlungs- und Verkehrsentwicklung und die Intensivierung der Landwirtschaft. Zum andern kommen die meist vor 1960 gepflanzten Bäume jetzt an ihre natürlichen Altersgrenzen. Zusätzlich vergreisen die Bäume schneller durch die mangelnde Schnittpflege, da die Bewirtschaftung kaum mehr rentabel ist und die Zahl der Aktiven in diesem Sektor immer mehr zurückgeht: 70 Prozent der Betreiber sind über 70 Jahre alt lautet eine Daumenregel unter den Insidern. Ein massives Problem ist dabei die Ausbreitung der parasitären und durch Vögel verbreiteten Misteln, die möglichst umgehend durch Schnitt bekämpft werden müssten. In Waldnähe gehen Flächen durch Verbuschung verloren, weil gar nicht mehr gemäht wird. Andererseits verringert sich durch intensives Mulchen mit dem Rasenmäher - alle paar Wochen statt zweimal im Jahr – die Biodiversität: die blühenden Wiesen verschwinden und dadurch auch Bienen und andere Insekten. Schließlich ist vielfach zu beobachten, dass die Wiesen gerade auch in der Nähe von Bäumen zu Holzlagern umfunktioniert werden, was durch das Verdecken und Beschweren der Wurzelbereiche die Gesundheit der Bäume erheblich beeinträchtigen kann. Viele dieser Beispiele konnten auf der Wanderung direkt in Augenschein genommen werden. Die Flora-Kenntnisse der TeilnehmerInnen wurden aufgefrischt und ergänzt: von den verschiedenen Arten von Hahnenfuß und Schlüsselblumen (letzere sind alle sind geschützt!), über die Platterbse bis hin zum Staunen über wilde Tulpen. Sie sind robuster und kleiner als gezüchtete Tulpen, die Tulipa sylvestris (Weinberg-Tulpe) ist die einzige in Deutschland wild vorkommende Art und stark gefährdet.

Apropos Weinbau: Immer wieder begegneten uns die mit Steinmauern befestigten Terrassen ehemaliger Weinberge, die während der Klimaverschlechterung der „Kleinen Eiszeit“ 1650-1850 aufgegeben wurden und auf denen jetzt teilweise Obstbäume stehen. In Weilheim war der Weinbau nach der Landwirtschaft der zweitwichtigste Wirtschaftszweig. Auch auf der Sonnenseite des Neckars wurden die Weinberge von der Hirschauer Brücke bis Tübingen, die gar nicht mehr zu Weilheim gehörten, früher von Weilheimer Winzern bewirtschaftet. Kulturhistorisch wurde es auch beim Kilchberger Feldschützenhäuschen, das 1832 der Kilchberger Freiherr von Tessin errichten ließ: „Denn die Kilchberger haben gestohlen wie die Raben! Die waren ja Leibeigene und hatten nichts“, erklärte ein Teilnehmer aus Weilheim.

Nach zweieinhalb Stunden war das Ziel der Wanderung erreicht, der Lehrgarten des OGV Weilheim, wo schon alles vorbereitet war für den gemütlichen Teil des Tages: es wurde gegrillt, gespeist und getrunken und die Erlebnisse der Wanderung im Gespräch verarbeitet. Schließlich führte Klaus Schmieder noch über die Wiese beim Forsthof Weilheim, die die Streuobstinitiative von der Stadt Tübingen gepachtet hat und deren etwa 140 Bäume nach jahrzehntelanger Vernachlässigung jetzt von der Initiative gepflegt und bewirtschaftet werden. Materielles Produkt: Tausende Liter Apfelsaft zum Verkauf in der Kletterhalle B12 des DAV. Als Auszeichnung wurden bereits mehrere Naturschutzpreise eingeworben.

Weitere Informationen zur Zielrichtung und Geschichte der Streuobstinitiative:
DAV Tübingen - Infos zur Streuobstinitiative
Streuobstinitiative gewinnt SWT Umweltpreis

Text: Michael Seifert
Bilder: Bärbel Frey, Silvia Metz