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Wanderwoche im Val da Camp – Puschlav / Schweiz

Das Val da Camp zweigt auf der Südseite des Berninapasses als Seitental vom Val Poschiavo nach Nordost ab und liegt abseits der ausgetretenen Wander- und Bergtouren der Schweiz. Im Zentrum dieses Tales, dort wo Wiesen und Weiden in Lärchenwälder und Felsblöcke übergehen, steht auf 1985 m die Rifugio Saoseo. Ruth und Bruno Heiss bewirten dort seit 45 Jahren mit Liebe und Leidenschaft ihre Gäste. Die Hütte des SAC-Bernina ist Ziel, Mittelpunkt und Hort der Behaglichkeit für unsere Wanderwoche im Val da Camp.

 

In diesen südöstlichen Appendix der Schweiz führt unsere Gruppe von 6 Frauen und 2 Männern Iris Kaun-Huber. Sie hat in den vergangenen 30 Jahren für Skitouren im Winter und Bergtouren im Sommer unzählige Male das Tal und die Hütte besucht. Beide sind für sie zu einem „Sehnsuchtsort“ und ein Stück Heimat in den Alpen geworden.

 

Wir starten am Sonntag, den 30.06.2019 frühmorgens. Die meisten von uns haben für die Hin- und Rückreise Zug und Bus gewählt, nur Eva und Michael nehmen das Auto, da sie nach der Wanderwoche noch weiterreisen wollen. Nach gut 6 Std. kommen wir Zugfahrer entspannt und beeindruckt von der grandiosen Berglandschaft und der spektakulären Streckenführung der Rhätischen Bahn über den Albulapass in Pontresina an. Nach einem kurzen Aufenthalt geht es mit dem Bus weiter über den Berninapass bis Sfazù, dem Ausgangspunkt in’s Val da Camp. Michael und Eva erwarten uns schon. Zu Fuß und mit dem Gepäck für die nächsten 6 Tage auf dem Rücken schaffen wir am späten Nachmittag in gut einer Stunde den bequemen aber dennoch schweißtreibenden Anstieg durch das liebliche Tal zur Saoseohütte. Dort werden wir bereits von Ruth und Bruno erwartet und sehr herzlich begrüßt. Auf der Sonnenterrasse erholen wir uns bei angenehm kühler Bergluft und einem erfrischenden Radler von der langen und abwechslungsreichen Anreise.

 

Foto-1 Rif-Saoseo

 

Die Einlauf-Tour am Montag führt von unserer Hütte nach Osten vorbei an nahezu ein Dutzend Seen über den Pass da Val Viola (2431 m) nach Italien zur Rifugio Viola (2314 m). Besonders beeindruckende Zwischenstationen auf dieser „Seenrunde“ sind:

Lagh da Saoseo, der versteckt und sehr idyllisch mit kleiner Insel und schönem Blick nach Westen zum Ostgipfel des Piz Palü im Wald liegt;

Lagh da Scispadus, dessen Wasserspiegel aufgrund der noch andauernden Schneeschmelze so hoch angestiegen ist, dass Weg als auch Wegweiser unter Wasser stehen;

Lagh da Val Viola, der größte dieser Seen umgeben von saftigen in voller Blüte stehenden Almwiesen.

 

Nach Überquerung kleiner Schneefelder und der Passhöhe machen wir Mittagspause in der Rifugio Viola - auch Mussolini- oder Polenta-Hütte genannt. Ersteres weil Mussolini die Hütte 1930 als Militär-Stützpunkt bauen ließ, um von hier aus die Schweiz zu erobern. Letzteres wegen der leckeren Polenta, die hier mit Gulasch, Bratwurst, Käse, Wein und Café zu einem Preis serviert wird, zu dem wir in der Schweiz gerade mal Brot und Käse bekommen würden. In der Sonne auf der Terrasse sitzend genießen wir ausgiebig das preiswerte kulinarische Angebot. Klüger wäre es allerdings gewesen, sich früher auf den Heimweg zu machen. Nach unserem Aufbruch ziehen sich rasch dunkle Wolken am Himmel zusammen und auf den letzten Kilometern zurück zur Saoseohütte bricht ein Gewitter mit Starkregen und Hagel über uns herein.

 

Foto-2 Lagh da Saoseo   Foto-3 Am Lagh da Val Viola

 

Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder wolkenlos. Von unserer Hütte aus sehen wir im Südwesten vor dem strahlenden Blau die Pyramide des Motal. Auf seiner abgewandten Seite unterhalb der Felswand des Piz dal Teo liegt unser heutiges Ziel, der untere und obere Lagh dal Teo (2429 m). Wir gehen zunächst talauswärts bergab am Bach entlang, dann über eine Brücke durch Arvenwald und Moor. Nach einem ersten steilen Anstieg erreichen wir eine Hochfläche mit Wiesen, Weiden und dem Maiensäß Aurafreida. Von hier haben wir beste Aussicht nach Norden zur Lagalb und nach Nordwesten auf die mit Eis und Schnee bedeckte Ostflanke des Piz Palü. Der Weg führt nun immer leicht ansteigend am Hang des Motal entlang und gibt ausreichend Gelegenheit, die in voller Blüte und großer Fülle am Wegrand stehenden Blumen zu studieren und zu bestimmen. Iris erweist sich auch hier als kenntnisreiche Liebhaberin. Ein wilder, vom Schmelzwasser stark angeschwollener Gebirgsbach schneidet uns schließlich den Weg ab. An ihm entlang arbeiten wir uns über Felsblöcke nach oben bis zur Staumauer des unteren Lagh dal Teo. Über die Staumauer gelangen wir wieder auf den ausgeschilderten Weg, der uns zum oberen der beiden Seen führt. Dort Vesperpause in der Sonne und eine Mutprobe, wer es mit nackten Füßen am längsten im eisigen Wasser des noch halb zugefrorenen Sees aushält.

 

Foto-11 Aufstieg zum Lagh dal Teo   Foto-4 Lagh dal Teo

 

Der Rückweg erfolgt auf dem Hinweg. Zurück an unserer Hütte genießen wir auf der Terrasse die spätnachmittägliche Sonne, kühles Radler, Kaffee und leckeren Bündner Kuchen. Zum Abendessen besucht uns Paul Nigg, inzwischen 86 Jahre alt, eine Legende unter den Schweizer Bergführern, Gründer der Bergsteigerschule von Pontresina, „Freigeist“, „Mann der leisen Töne“.. Er und Iris gehen seit 30 Jahren zusammen auf Ski- und Hochtouren und sind gute alte Freunde. Zur Feier des Tages tischen Ruth und Bruno Pizzoccherie auf, ein traditionelles Gericht aus dem Veltlin bzw Puschlav mit Buchweizennudeln, Kartoffeln, Mangold, Käse und Salbei. Zur Verdauung gibt es einen von Michael mitgebrachten hohenzollerischen Mirabellenschnaps und einen von Paul angeregten Abendspaziergang. Bescheiden und zurückhaltend stimmt er uns dabei auf die Tour des nächsten Tages und eine achtsame Wahrnehmung der Natur ein: „Was treibt uns an im Leben? – Noch bis vor 3 - 4 Wochen lag hier alles unter einer weißen Schneedecke. Jetzt schaut Euch mal an, wie alles voller Kraft und Energie an’s Licht und in’s Leben drängt. – Es ist also nicht die monatliche Gehaltsabrechnung, es ist die Natur, die uns antreibt!“

 

Am Mittwoch übernimmt Paul die Führung der Tour: Wecken ist um 4:45 Uhr, Frühstück um 5, Aufbruch zur Cima di Cardan (2905 m) um 6 Uhr. Diesmal geht es leicht ansteigend nach Nordwesten durch Lärchen- und Arvenwälder an der Alpe Camp vorbei in‘s Val Mera. In der unteren lieblichen Hälfte dieses Seitentals zum Val da Camp mäandert der sprudelnde Bach durch saftige, in voller Blumenpracht stehende Wiesen und Weiden. Weiter oben wird es steinig und rauh: Felsblöcke, Geröllhalden und ein mächtiger Wasserfall bilden den Talschluss am Pass da Val Mera und im Osten überragt der mächtige Rücken des Corn da Camp (3232 m), der Hausberg des Val da Camp, das Val Mera. Wir durchwandern das Tal bis zur Plan da Val Mera, verlassen dort den ausgeschilderten Weg, der über den Passo di Val Mera nach Livigno weiterführt, und steigen zwischen Alpenrosen und Geröll nach Westen auf zur Forcula di Cardan (2681 m). Eine Herde Schafe kommt uns neugierig nachgelaufen, hat Mitleid mit den sich weglos nach oben arbeitenden Menschen, berät sich mit Paul und läuft dann voraus, um uns den Weg zu zeigen. Mit ihrer Unterstützung und Paul‘s Führung gelangen wir zur Forcula und von dort weiter über den felsigen Rücken und Grat zum höchsten Punkt der Cima di Cardan. Von hier haben wir eine herrliche Aussicht nach Westen über den Berninapass und das Val Poschiavo zum Piz Palü und Piz Bernina. Wegen des starken kalten Windes verzichten wir auf die Mittagspause am Gipfel und steigen über ausgedehnte Schneefelder und Geröllhalden hinab zum Lagh da Roan. Etwas oberhalb des Sees holen wir unsere Mittagspause nach und haben Glück, dass für eine kurze Zeit an diesem Tag die Sonne durch die Wolken bricht. Auf dem Rückweg durchs Val Mera werden wir trotz des frühen Aufbruchs am Morgen aber doch noch vom nachmittäglichen Gewitter mit Schauer und Hagel eingeholt. Zurück an unserer Rifugio ist das Gewitter bereits weitergezogen. Auf der Sonnenterrasse lassen wir den Tag bei Kaffee und Kuchen ausklingen und verabschieden uns dankbar und voller Eindrücke von Paul, der mit dem Bus zurück nach Pontresina fährt.

 

Foto-5 Paul mit Schafen   Foto-6 Abstieg von der Cima di Cardan

 

Der Donnerstag beginnt mit strahlend blauem Himmel. Nach dem Frühaufsteherintermezzo am Vortag starten wir heute wieder gemütlich um 9 Uhr. Ziel ist der Corn da Mürasciola (2819 m), dessen felsiger Rücken stolz im Westen über unserer Hütte und dem Val da Camp thront. Zunächst führt uns der Anstieg – wie auf unseren Touren bisher üblich - durch Lärchen- und Arven. Oberhalb des Waldes verlieren wir den im Gras und niedrigen Gebüsch kaum noch sichtbaren Weg und folgen den Trampelpfaden der Tiere über schräg ansteigende Grashalden bis zum Lagh da Mürasciola. Weiter geht es über Schneefelder vorbei an Schafen, von denen einige im Schnee sitzen und die Milch bzw. ihre Euter kühlen. Zu dritt – die Anderen bleiben aus Vorsicht zurück -  klettern wir auf einem steil ansteigenden Felsgrat bis zum Gipfel und genießen die grandiose Rundumsicht: nach Norden über das tief unter uns liegende Val Mera zum Corn da Camp, nach Osten zur markanten Spitze des Corno di Dosdè und über den Pass da Val Viola bis zur Ortlergruppe, im Süden über das Val da Camp zum Motal und Piz dal Teo, im Westen über das Val Poschiavo zum Piz Palü, Piz Varuna und Pizzo Scalino. Den Rückweg unterbrechen wir am Lagh da Mürasciola für eine ausgiebige Mittagspause mit Fußbad im See. Als dunkle Wolken aufziehen setzen wir eilig den Abstieg fort. Von oben finden wir den Weg nun besser als beim Aufstieg und erreichen bei einsetzendem Regen problemlos die Alpe Camp. Von der freundlichen Wirtin erhalten wir ausführlich Informationen über dieses „Ristoro“ am Ende des Fahrweges im Val da Camp, wärmen uns bei einem Kaffee und warten bis der Regen aufhört. Von der Alpe ist es dann nur noch ein kurzes Stück auf dem Fahrweg bergab zur Rifugio Saoseo.

 

Foto-7 Lagh da Mürasciola   Foto-8 Vom Mürasciola nach Osten

 

Für Freitag ist in den Vorhersagen das beste Wetter der ganzen Woche angesagt. Da die Meisten von uns vorher noch nicht im Oberengadin waren, wollen wir, den ungetrübt sonnigen Tag zu nutzen, unser beschauliches Tal verlassen und den „Festsaal der Alpen“ besuchen, d.h. über die Diavolezza auf den Munt Pers steigen. Von unserer Hütte geht es zunächst zu Fuß bergab bis Sfazù (1.622 m), dann mit dem Bus über den Berninapass zur Talstation der Diavolezza Bergbahn (2.093 m) und von dort wieder zu Fuß über den Lej da Diavolezza und ein paar Schneefelder zur Diavolezza Bergstation (2.978 m). Wie in allen Tagen vorher sind wir auch bei diesem Aufstieg als Einzige am Berg unterwegs. Es ist deshalb fast ein Schock, auf der Bergstation in einer Menge kreuz und quer herumlaufender und für Fotos posierender Touristen anzukommen. Der Ausblick ist jedoch atemberaubend. Piz Cambrena (3.603 m), Piz Palü (3.905 m), Bellavista (3.880 m), Piz Bernina (4.049 m), Piz Morteratsch (3.751 m): alle diese Pfeiler des Festsaals ganz nah vor uns und keine Wolke am Himmel! Nach einer kurzen Trink- und Fotopause steigen wir weiter zum Munt Pers (3.207 m). Im Vergleich mit der Terrasse der Diavolezza Bergstation ist es hier fast leer und ruhig. Wir können uns kaum sattsehen an dem Panorama aus Schnee, Eis und Fels im Westen und dem Val Bernina mit seinen Seen unter uns im Osten. Den Abstieg schieben wir so lange hinaus, dass wir gerade noch rechtzeitig die letzte Seilbahn ins Tal und den anschließenden Bus nach Sfazù erreichen. Von dort geht es wieder zu Fuß bergauf in unser Tal. Unsere Hütte erreichen wir kurz vor dem Abendessen. Alle sind müde und sehr zufrieden mit dem prachtvollen Tag, aber auch zufrieden, nach dem Ausflug zum touristischen „Festsaal der Alpen“ wieder im beschaulichen Val da Camp und der heimeligen Rifugio Saoseo zu sein.

 

Foto-9 vor dem Piz Palü

 

Der Samstag ist unser Rückreisetag. Für die meisten geht es mit Bus und Zug zurück nach Tübingen, Eva und Michael setzen ihren Urlaub mit dem Auto fort. Dankbar und ein wenig traurig nehmen wir herzlich Abschied von Ruth und Bruno und steigen ein letztes Mal durchs Tal hinunter nach Sfazù. Von dort nehmen wir diesmal den Bus talabwärts nach Poschiavo. Nach einem kurzen Aufenthalt im malerischen Städtchen fahren wir im Bernina Express entlang der spektakulären Weltkulturerbe-Strecke nach Norden. Die phantastischen Ausblicke aus dem Zug geben sich alle Mühe mit den Eindrücken der vergangenen Woche zu konkurrieren. Die gemeinsame Zeit geht zu Ende, wie sie begann: einfach atemberaubend!

 

Foto-10 Rif-Saoseo-Corn da Camp

 

Unser aller Dank gilt Iris, die uns mit viel Begeisterung, persönlicher Verbundenheit und reicher Kenntnis in das abgelegene Val da Camp, zur Rifugio Saoseo und auf die umliegenden Berge führte. Sie hat uns diese liebenswerte, ursprüngliche Ecke der Schweiz nahegebracht und an’s Herz gelegt.

 

Solltet auch Ihr dieses Tal besuchen wollen, nehmt den Zug, kommt im üppig blühenden Frühsommer und lasst Euch ein paar Tage Zeit, um der Natur in Ruhe und mit Muse nachzuspüren und Kraft zu sammeln.

 

Text:     Ulrike Alber, Uta Kienle, Eva Malek, Marion Simon, Kirsten Sonnenschein, Knuth Wolf

Fotos:  Iris Kaun-Huber, Uta Kienle, Knuth Wolf

 
 
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