Basiskurs Bergtouren im Juni 2026 – Von Wegen, Karten und Kompromissen
Wo sind wir hier eigentlich?
„Wo sind wir hier eigentlich?“ – diese Frage sollte uns an diesem Wochenende noch öfter begleiten. Nicht, weil wir uns hoffnungslos verlaufen hätten, sondern weil Orientierung in den Bergen weit mehr bedeutet, als einem Wegweiser zum Gipfelkreuz zu folgen. Rund um die Lindauer Hütte im Montafoner Gauertal lernten wir, Karten zu lesen, Wetterzeichen zu deuten, alpine Gefahren einzuschätzen, Schneefelder zu begehen und vor allem: gute Entscheidungen zu treffen. Ein Tourenbericht.
Der Nieselregen arbeitet sich beständig durch die Wanderhose. Tropfen sammeln sich am Rand der Kapuze und finden ihren Weg in den halboffenen Kragen. Die Luft ist feucht, der Weg eigentlich einfach, aber rutschiger als erwartet. Immer wieder tauchen die markanten Felsgestalten des Rätikon aus den Wolken auf: die Drei Türme, die Drusenfluh. Für einen Moment stehen sie klar vor uns, dann verschlucken die Wolkenschwaden die Gipfel wieder. Dass unser ursprüngliches Ziel für dieses Wochenende – der Mittlere und der Große Turm der Drei Türme – unerreichbar bleiben wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Trotz des Wetters und des frühen Starts um 6:33 Uhr an diesem Freitagmorgen herrscht in der Gruppe eine lebhafte Stimmung. Neugier und Offenheit begleiten die ersten Schritte ebenso wie die Vorfreude auf die kommenden Tage. Uns motivieren negative Erfahrungen am Berg, der Wunsch, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen, die Vorbereitung auf Abenteuer fernab der Zivilisation und das Ziel, in kritischen Situationen souverän und selbstbestimmt gute Entscheidungen zu treffen.
Zwischen Karte, Wunsch und Wirklichkeit
Von Beginn an machen unsere Trainer John und Emilia deutlich, worum es in diesem Kurs geht: selbst Verantwortung übernehmen. Schon auf dem Weg von der Bergstation Golm zur Lindauer Hütte liegt die Entscheidung über die Routenwahl bei uns Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Bei der Vorbesprechung haben wir drei Varianten ausgearbeitet. Schnell wird jedoch klar, dass der geplante Golmer Höhenweg unter den aktuellen Bedingungen keine vernünftige Option ist. Also diskutieren wir, wägen ab und entscheiden uns für Plan B.
Es ist die erste von vielen Entscheidungen an diesem Wochenende. Beim Führen der Gruppe wechseln wir uns ab. Manche genießen diese Aufgabe, andere spüren plötzlich, wie ungewohnt es ist, vorne zu gehen und Verantwortung für andere zu übernehmen. Während wir durch die nasse, leuchtend grüne Landschaft aufsteigen, werden die Gespräche allmählich leiser und die Gedanken mit dem beständigen Tröpfeln des Regens lauter. Unsere erste Erkenntnis: In den Bergen läuft nicht immer alles nach Plan.
Zwar etwas durchnässt, aber bestens gelaunt erreichen wir die Lindauer Hütte – bereit für ein Wochenende voller Lernen, gutem Essen und überraschend guten Nächten im Matratzenlager.
Am Abend sammeln wir uns und planen den nächsten Tourentag. Unsere größte Herausforderung sind die Schneefallgrenze der vergangenen Tage, der Altschnee am Drusentor sowie unsere unterschiedlichen Erfahrungen, Trainingszustände und Fähigkeiten am Berg. Hinzu kommt: Wir kennen uns erst seit Kurzem und können noch nicht richtig einschätzen, wo die Komfortgrenzen der einzelnen Gruppenmitglieder liegen. Wir sprechen mit dem Hüttenpersonal, sammeln Informationen, stellen uns gegenseitig Fragen, prüfen die Wettervorhersage und studieren hoffnungsvoll die Karte – um am Ende einzusehen: Unseren ursprünglichen Plan müssen wir verwerfen. Unsere nächste Erkenntnis: Gute Entscheidungen am Berg beginnen mit einer realistischen Tourenplanung. Schließlich möchte niemand bei der dritten Staffel von „In höchster Not“ mitmachen. Das ist bitter, ernüchternd, drückt kurz die Stimmung und gehört dennoch zum Prozess. Wir bleiben lösungsorientiert, diskutieren weiter und finden schließlich eine gute Alternative.
Am nächsten Morgen strahlt die Sonne bei fast wolkenfreiem Himmel. Die klare Luft um 8 Uhr gibt uns Energie und gute Laune. Die Enttäuschung vom Vorabend fällt mit jedem Höhenmeter mehr von uns ab. Wir steigen auf zur Geißspitze (2.334 m), folgen dem Golmer Höhenweg unterhalb des Wilder Mann (2.291 m) und machen unsere Mittagsrast nahe dem Hätaberger Joch (2.154 m).
Auch heute wechseln wir uns beim Führen der Gruppe ab. In den Pausen zeigen uns John und Emilia das Peilen mit Kompass und Karte – und bleiben selbst beim dritten Nachfragen geduldig, bis wir es tatsächlich alle verstanden haben. Damit das so bleibt, wiederholen wir die Übung oberhalb der Oberen Zaluandaalpe noch einmal. Wir lernen: Bei der Peilung müssen wir genau sein, denn schon ein oder zwei Grad zu viel kann im Gelände eine 10 bis 100 m große Abweichung bedeuten.
Nun geht es weiter Richtung Zollhütte beim Schweizer Tor und dann hinauf zum Öfapass (2.291 m). Langsam machen sich die bisherigen Kilometer und Stunden in den Beinen bemerkbar. Die Sonne strahlt, die Köpfe werden heiß. Wir achten aufeinander, erinnern uns gegenseitig daran, genug zu trinken und zu essen, und motivieren uns immer wieder für die nächsten Schritte.
Oben angekommen ergießt sich ein breites Schneefeld bis hinab – teilweise über den Wanderweg, der uns zurück zur Lindauer Hütte bringen wird. Zeit für eine weitere Übung: das sichere Begehen von Schneefeldern. John und Emilia führen uns in die richtige Schritttechnik und das kontrollierte Rutschen ein – für die Extraportion Spaß und Geschwindigkeit.
Von der Judorolle zum Liegestütz im Schnee
Was aber, wenn wir stürzen und die Kontrolle verlieren? John demonstriert, wie man sich schnellstmöglich in die Bauchlage dreht und die Liegestützposition einnimmt, um die wilde Fahrt zu stoppen. Skeptisch hören wir zu, zögern und wissen nicht recht, wie wir uns freiwillig aus der Komfortzone herausstürzen sollen. Ein paar Judorollen vorwärts, ein blindes Umfallen auf den Rücken mit dem Kopf voran – John nimmt uns mit seiner freudigen Akrobatik die Angst. Na, dann los: Anfangs vorsichtig, dann immer tollkühner werdend schmeißen wir uns hin, nehmen Anlauf, machen Purzelbäume und rutschen immer rasanter das Schneefeld hinab. Nach wenigen Metern drehen wir uns in die Liegestützposition und kommen zum Halt. Das macht nicht nur Spaß, sondern gibt auch Selbstvertrauen. Olga grinst von einem Ohr zum anderen und fasst die Erkenntnis für uns zusammen: „Rutschen im und auf dem Schnee ist mega! Jetzt weiß ich, wie man im Notfall stoppt – einfach genial!“
Unsere Trainerin Emilia lacht und freut sich mit uns. Ihre Motivation für das Ehrenamt: Sie hat Spaß daran, die Dinge weiterzugeben, die sie selbst gerne macht – früher in der Jugendarbeit, heute mit Erwachsenen. Nach dieser Übung fühlen wir uns tatsächlich ein bisschen weniger „alt und erwachsen“. Mit neuer Energie laufen wir die letzten 1,5 km weiter und kommen nach gut neun Stunden auf Tour müde und hungrig, aber gesund und gut gelaunt wieder an der Lindauer Hütte an. Klaus stellt für uns fest: „Unsere Tourenalternative war letztlich genauso schön wie der ursprüngliche Plan Richtung Drei Türme.“
Nach dem Abendessen heißt es wieder: Theorie und Tourenplanung. Schließlich müssen wir am Sonntag zurück Richtung Heimat. Diesmal zwingt uns nicht das Wetter zum Kompromiss, sondern die Rückfahrt. Bereits um 13 Uhr müssen wir den Bus und eine ganze Reihe von Zügen erreichen. Der einzige Nachteil des öffentlichen Verkehrs. Dafür dürfen nach dem langen Wochenende alle entspannen – auch unsere Kursleitung.
Zum Abschluss versüßt uns neben dem sonnigen Bergwetter noch eine ganz besondere Abstiegsform den Rückweg zur Talstation Golm: der Waldrutschenpark mit 380 m reinem Rutschvergnügen, verteilt auf sieben Rutschen. Letzte Erkenntnis: Kompromisse sind nicht nur vernünftig, sondern können auch Spaß machen.
Was hat sich nach diesem Kurs für uns verändert?
Natascha überlegt kurz: „Ich berücksichtige bei der Tourenplanung jetzt deutlich mehr Details. Die relativen Höhenmeter sind eine wichtige Erkenntnis – also die Höhenlinien zwischen Start und Ziel genauer anzuschauen. Sonst werden aus 40 geplanten Höhenmetern plötzlich 170. So ein Fehler kann einem auf längeren Touren ordentlich die Puste rauben.“
Susi ergänzt als Fazit zu unserem Basiskurs Bergtouren: „Ich wollte lernen, mit Karte und Kompass zu navigieren. Nach diesem Wochenende kann ich das – auch ohne Smartphone, GPS und Co. Ich kenne Anzeichen für Wetterumschwünge, kann Gehzeiten berechnen und habe das Selbstvertrauen gefunden, wirklich auf mein Bauchgefühl zu hören – auch wenn es einmal gegen die Mehrheitsmeinung geht.“ So laufen wir bei Bergwanderungen künftig nicht mehr nur hinterher, sondern gestalten verantwortungsbewusst mit.
Hinweis: Dieser Text wurde unter Nutzung von ChatGPT (OpenAI) lektoriert.
Text: Inga van Gessel
Bilder: Natascha Riehle, Bea Wagner, Emilia Weißenborn
Infos zur Tour:
Unterkunft: Lindauer Hütte
Anreise: DB und ÖBB ab Tübingen Hbf bis Latschau Busstation (Deutschlandticket, Gruppentickets - ca. 25 EUR Hin- und Rückfahrt) sowie Bergfahrt mit der Seilbahn in Golm (28 EUR)
Anzahl Teilnehmer*innen: 12 Personen der Sektionen Tübingen & Reutlingen
Kursleitung: John Reinecker und Emilia Weißenborn
Wanderungen:
- Tourentag 1: 2 Stunden / 170 HM / 5,18 km
- Tourentag 2: 9 Stunden - inkl. Übungen & Theorie / 920 HM / 12,6 km
- Tourentag 3: 3,5 Stunden - inkl. Übung & Theorie / 170 HM / 8,83 km