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Eine großartige Tour durch einen der größten Bruchhaufen der Alpen!

Magic Line (Laliderer Nordwand; 2.620 m; 800 m Wandhöhe; 30. Juli 2016)

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IMG 20160729 204801-1 Um Viertel vor 4 tönt der Wecker. Wir haben das Außenzelt weggelassen und sehen durch die Gaze des Innenzeltes die Sterne im dunklen Himmel – das Wetter wird gut werden. Schnell packen wir die durchnässten Schlafsäcke und das Zelt zusammen und frühstücken unser Müsli im Werkraum der Falkenhütte. Um Viertel vor 5, es dämmert schon, brechen wir auf. 10 Minuten auf einer Schotterstraße bergab, dann auf einem Pfad bergauf zum Wandfuß, wo die berühmte Herzogkante beginnt. Von dort queren wir einige hundert Meter steiles Geröllfeld, immer wieder von Rinnen unterbrochen, die an Gletschermoränen erinnern: Sandig, steil, mit eingelegten großen Blöcken, schwer zu überwinden. Vom Tal nähern sich aus der Gegenrichtung zwei Lichtkegel dem Wandfuß, wir sind etwas früher am Einstieg als Finn Koch (bis vor kurzem Tübinger, derzeit Oberstdorfer) und sein Gefährte Lorenz aus München; beide sind Mitglieder des DAV Expedkaders. Dann geht’s los: Ralf Sussmanns 2012 erstbegangenes Meisterwerk mit 26 Seillängen liegt vor uns, davon 6 im 8. Grad, 7 im 7. Grad, der Rest meistens im 6. Grad.

 

CIMG0003-1 Die Tour hat mein Sohn Paul ausgesucht. Nachdem ich 2015 mit seinem Bruder Samuel Sussmanns „Inferno und Ekstase“ an der benachbarten Grubenkarspitze geklettert hatte (wenn auch nicht bis zum Ende, aber doch 29 Seillängen), wünschte ich mir von Paul, auch mit ihm einmal eine große Route zu machen – und er willigte ein, sodass ich zu meinem 50. Geburtstag 2016 einen Gutschein für die „Magic Line“ bekam. Die Aussicht auf diese Tour gab mir mächtig Antrieb zu einem manchmal gnadenlosen Kletter- und Konditionstraining, mit dem ich schon im Dezember 2015 anfing, um bis zum für Juni geplanten Tourentag fit zu sein. Die Pfingstferien in der Provence sollten die Trainingsphase abschließen, aber ach: Kurz vor der Abreise stieß ich mir beim Bouldern im B12 den Ellbogen, was zu einer seltsamen Beule namens Epikondylitis führte, die meine Kletteraktivitäten erst einmal lahm und den Arm in eine Schlinge legte. Doch schon nach 2 bis 3 Wochen konnte ich das Training wieder aufnehmen: Hauptsache viele schwere Klettermeter; ein mitunter eintöniges Unterfangen, wenn man alle Kletterrouten im B12 in- und auswendig kennt. Zur Verlängerung der Routen kletterte ich immer eine rauf und eine runter – die Gewohnheit, auch abwärts klettern zu können, sollte mir bei den zwei Verhauern, die ich in der Magic Line einbaute, noch sehr zupass kommen. Pauls Klettertraining besonders zu erwähnen, hieße Eulen nach Athen tragen, man kennt ihn als Dauergast und Kraftpaket im B12.

 

CIMG0004-1 Wir hatten Mitte und Ende Juni zwei weiträumige Zeitfenster für die Tour eingeplant, einen Haupt- und einen Ersatztermin, indes: So gut der Trainingszustand war, so schlecht das Wetter. Wie man es so mitbekommen hat, wurden ja die meisten alpinen Ambitionen im Juni geflutet und so auch unser Unternehmen. Es gab nun nicht mehr viele Termine, an denen Paul und ich gemeinsam Zeit hatten (Schule und Arbeit lassen sich nicht immer beliebig den sportlichen Zielen unterordnen), aber am ersten Wochenende nach Beginn der Sommerferien war es soweit: Wetter gut und keine anderweitigen zwingenden Termine. Also Abreise am Freitag, 29. Juli, gleich nach dem Frühstück. Man fährt immerhin an die fünf Stunden, an München und Bad Tölz vorbei, dann auf einer kleinen Mautstraße von Hinterriß zum Ahornboden, der mit der Engalm abschließt, einem zauberhaften Ort mit der gewaltigen Kulisse der Lalidererwände im Hintergrund. Die Falkenhütte als Ausgangspunkt für die dortigen Klettertouren ist ca. 700 Hm und lt. Beschilderung 2,5 Wegstunden von der Engalm entfernt. Sie ist für Wanderer ein beliebtes Ausflugsziel – kein Wunder, dass an diesem Wochenende kein Platz mehr im Lager frei war. Deshalb schleppten wir in unseren 16 bzw. 18 kg schweren Rucksäcke Zelt, Schlafsäcke, Kocher, Essen und Klettermaterial nach oben. Dann erkundeten wir den Zustieg und kletterten die ersten beiden Seillängen (8+ bzw. 8 bewertet). Die gingen zwar nicht onsight rotpunkt, aber ich war sicher, dass das am Tag darauf klappen würde. Damit hatten wir uns unser Abendessen in der proppenvollen Falkenhütte verdient. Witzig: Unsere Tischgenossen waren in ähnlicher Konstellation unterwegs: Mein ca. 40-jähriger Nachbar hatte seinem gegenüber sitzenden Vater (beide hatten noch ihre Frauen dabei) ebenfalls eine Tour zum Geburtstag geschenkt. In ihrem Fall bestand die Tour in der Wanderung zur und Übernachtung auf der Falkenhütte – zum ersten Mal eine Nacht am Berg und im Lager. Jedem das Seine! Darauf stießen wir an.

 

IMG 20160729 210258-1 Als wir unser Zelt auf dem einzigen halbwegs ebenen und nicht mit Kuhfladen belegten Platz aufbauten, waren wir im Nu umringt von einer Schar neugieriger Rinder, die mit großem Interesse und wenig Abstand Anteil an unserem Tun nahmen. Es genügte jedoch, die Isomatte zu schwenken, um sie dauerhaft in die Flucht zu schlagen, und auch des Nachts kamen sie nicht wieder – jedenfalls bemerkten wir nichts davon (obwohl Paul angeblich immer mal wach war, weil ich angeblich schnarchte …).

 

CIMG0012-1 Paul klettert die erste Seillänge gewohnt souverän und schnell. Mir will der Nachstieg nicht so recht glücken; ist es die Anspannung oder der (mit 2 Liter Wasser, Essen, Rettungszeug usw. doch nicht ganz leichte) Rucksack - ein Hänger ist nicht zu vermeiden. Wir klettern in Wechselführung, und auch in der folgenden 8-er-Länge muss ich kurz ruhen. Dahin sind die Rotpunkt-Träume, und bei manchen weiteren 8-er-Stellen habe ich zugegebenermaßen keine durchgreifenden Bedenken mehr, den Haken durchzuziehen, wenn es sonst nicht gleich klappt. Von den Haken gibt es anfangs übrigens erstaunlich viele, was sich aber später ändert; die Logik der Routeneinrichtung hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Finn und Lorenz, die wie gesagt kurz nach uns angekommen waren – und zwar direkt vom Parkplatz im Tal – warten geduldig (auch nicht allzu lang), bis sie loslegen können. Nach ein paar Seillängen haben Paul und ich aber einen kleinen Abstand erarbeitet.

 

CIMG0017-1 Die 5. Seillänge, angegeben mit der unverständlichen Bewertung „8 (3 x A0)“, führt über nassen Fels mit glitschigen Griffen. Beim Nachstieg muss ich mich ein paar Meter am Seil hochziehen und mir ist unbegreiflich, wie man sich hier festhalten soll; es ist nur Pauls erstaunlicher Maximal- und Willenskraft zu verdanken, dass er diese Passage onsight klettern kann – bis ihm kurz vor dem Stand ein Griff ausbricht und er im hohen Bogen fluchend abfliegt. Das hat zwei Konsequenzen: Von da an behindern ihn Krämpfe im rechten Arm, und auch er gibt den Rotpunktgedanken auf. In der folgenden 6. Länge darf ich einen mit 8 bewerteten Linksquergang führen; der ist zwar trocken, fest und damit vergnüglich, aber bestimmt nicht 8, sodass nicht nur ich, sondern auch die nach mir Kommenden hier und dort am Haken hängen. Ohne besondere Vorkommnisse erreichen wir danach den vergleichsweise gemütlichen Stand auf einem Band vor Seillänge 14, die erste, die Ralf Sussmann mit seinen (im Internet verfügbaren) „Begehungstipps, um Verhauer zu vermeiden“ speziell erläutert. „Vom Stand in der leichten Verschneidung 10 m hoch, nach 10 Meter bei Bohrhaken in die linke Verschneidungswand“. Da es laut Topo und Beschreibung vom Stand aus direkt nach oben starten sollte – mit etwas gutem Willen kann ich in der Felsstruktur eine Verschneidung entdecken – starte ich geradeaus durch steiles und brüchiges Gelände, um nach ca. 6 m einzusehen, dass es hier nicht weiter gehen kann. Zum Glück bin ich im Abklettern geübt, sodass ich wohlbehalten wieder zum Stand zurückkehre. Derweil kommt von unten Lorenz heran, klettert 5 m links von uns gerade weiter und klippt nach ca. 10 m leichter Kletterei den dort linkerhand befindlichen – von unserem Stand aus quasi unsichtbaren – Bohrhaken. Paul und ich nutzen die Gelegenheit für eine kleine Pause – die erste und letzte in der Wand – und lassen Lorenz und Finn vorbei ziehen, die in diesem Gelände deutlich schneller als wir sind – denn sie gehen gleichzeitig „am laufenden Seil“. Angesichts der Brüchigkeit und der nicht zu vernachlässigenden Schwierigkeiten, die auch in diesem Wandteil zu bewältigen sind, erscheint uns diese Begehungstechnik sehr mutig.

 

CIMG0014-1 Zwei Seillängen später sehe ich Finn oben an einem Standplatz stehen, der Weg dorthin durch relativ leichtes Gelände (ca. 4) erscheint derart klar, dass ich gar nicht mehr das Topo bzw. die Beschreibung aus Andi Stockers Buch „Long Lines“' konsultierte und geradewegs linkshaltend hochklettern will. Schon wieder der reinste Anfängerfehler! Etwa 15 m über dem letzten Haken muss ich einsehen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin, jedenfalls der Weiterweg über einen brüchigen Überhang keine Sicherungsmöglichkeit bietet und damit zu gefährlich ist. Nun werfe ich einen Blick in die Beschreibung: Zunächst rechtshaltend über Stufen, und erst zum Schluss (bei Bohrhaken) wieder scharf links. Also heißt es für mich erst einmal Schlucken, tief durchatmen und dann abklettern, um anschließend über leichteres Gelände rechtshaltend besagten Bohrhaken und danach den Stand zu erreichen. Inzwischen sollen wir übrigens hier irgendwo (und auch schon 2 Seillängen zuvor) laut dem Stocker-Topo andere Routen gekreuzt haben; davon haben wir aber nichts bemerkt. Wahrscheinlich führen die alten Klassiker vor allem über die grausligen Schotterbänder, die sich ab und zu durch diesen Teil der Wand ziehen. Vor allem diese Schotterbänder sind der Grund dafür, dass uns zunehmend Steine um die Ohren pfeifen oder – je nach Größe – brummen. Dass sich beim Klettern – und sei es nur durch die Seilbewegungen – ab und zu Steine lösen, lässt sich in diesem Gelände gar nicht vermeiden; das gilt für die über uns befindlichen Kletterer genauso wie für uns. Vermutlich altersbedingt bin ich gegenüber solchen für Sportkletterer eher ungewohnten alpinen Begleiterscheinungen allerdings schon einigermaßen abgebrüht, während Pauls Nervenkostüm dadurch arg strapaziert wird.

 

CIMG0019-1 Auch meine Nerven werden nun aber in der 19. Seillänge, der letzten im 8. Grad, auf die Probe gestellt. Zitat aus Stockers „Long Lines“: „Begeisternde Sportkletterei mit etwas moralischem Rechtsausstieg zu Stand“. Ja, der Beginn ist großartig, ein (klein-)griffiger Überhang mit sehr viel Luft unterm Hintern. Der Abstand vom letzten Haken zum Stand beträgt ca. 7 m. 3 m nach dem letzten Haken ist es noch leicht überhängend, ich umklammere eine Art Schuppe von links und rechts, während sich reichlich viel sonstiger Fels um mich herum in Einzelteilen nach unten verabschiedet. Auf dem rechten Knie lastet es plötzlich schwer; zum Teufel, da liegt ein kiloschwerer Brocken darauf, der sich alleine deshalb löste, weil mein Knie an die Wand lehnte; weg damit, geht ja nicht anders. Den feuchten Riss, der etwas über mir beginnt und sich steil nach oben zieht, traue ich mich nicht ohne Sicherung anzugehen, auch wenn ein Abflug in der Luft und nicht auf Festkörpern enden würde. Jetzt nützen mir wenigstens zum ersten Mal seit den letzten 18 Seillängen die mitgeschleppten Klemmgeräte; in die Schuppe lassen sich immerhin ein 2er-Rock und der kleinste Cam reinquetschen. Trotz dieser feinen Sicherung zögere ich vor dem Weiterweg, erst die aufmunternden Rufe Pauls „Allez, auf geht’s!“ geben mir den letzten Kick, mich mit einem weiten Zug nach oben und rechts zu stemmen und meine Hände in den Riss zu vertiefen. Die Kraft reicht noch für die Unterbringung eines weiteren Klemmgeräts, dann schinde ich mich zum Stand. Hm, wenn man die Stelle kennt, ist sie sicher gut machbar und objektiv gefährlich wäre ein Flug, wie gesagt, nicht gewesen; man hätte nur ca. 30 m abgelassen werden müssen, um wieder Felskontakt zu bekommen. Trotzdem frage ich mich, warum hier nicht ein Haken mehr Verwendung fand. Die Tour wäre dadurch keineswegs übersichert, und wer sich die Stelle nicht traut oder sie nicht schafft, hätte in dieser Wandhöhe doch ein kleines Problem mit dem Rückzug. Nun gut, wir haben es geschafft und die folgenden vier 6er-Längen sind schön, ausgesetzt und nicht allzu brüchig.

 

CIMG0020-1 Auf die 24. Seillänge sind wir schon sehr gespannt, denn ihr ist in Sussmanns „Begehungstipps“ ein langer Absatz gewidmet, der wie folgt beginnt: „Vom Stand auf dem Horizontalband an der linken äußersten Ecke der Riesenverschneidung brüchig links ums Eck ansteigen (nach 7 m Cam-2-Placement in markantem Riss, verlängern!). Hinter der Ecke findet sich ein alter Schlaghaken und hier zieht horizontal ein leichtes Band 30 m links rüber zur Ausstiegsrinne der Nordverschneidung (Fluchtmöglichkeit, 3 SL).“ Wo hier eine „Riesenverschneidung“ sein soll? Egal, es muss ja nach links gehen. Leider macht der gesamte Pfeiler, auf dem man sich hier bewegt, einen unsicheren Eindruck. Das brüchige Horizontalband, das zu der erwähnten „Ausstiegsrinne“ führt, sehe ich nun. Zum Glück bin ich nicht auf der Flucht, denn eher würde ich die ganze Route wieder abklettern, als mich dieser extrem brüchigen Fluchtmöglichkeit anzuvertrauen! Ich suche den markanten Riss für das Cam-2-Placement, finde aber nur eine wenig markante Stelle, wo zwischen zwei nicht unbedingt festen Blöcken ein Klemmgerät Platz findet; mehr für die Moral als für die Sicherheit. Ein paar Meter weiter und nach manchem auf und ab finde ich tatsächlich den in der Beschreibung erwähnten Schlaghaken – welch eine Erleichterung, nun weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Der erste Bohrhaken kommt viele Meter später, von unten ist er erst spät sichtbar. Jetzt ist der Weg frei zum grande Finale, der Gipfelwand mit den Seillängen 25 und 26, die sich gut 60 m hoch gewaltig steil vor uns aufbaut (Beschreibung von Andi Stocker: „Grimmige Wand, die sich gut auflöst“).

 

CIMG0035-1 Jetzt müssen wir noch zweimal im 7. Grad zupacken. Das ist das reinste Vergnügen, denn hier finden wir den besten Fels des ganzen Tages, und oben lacht die Sonne aus dem blauen Himmel. Die Wand neigt sich selbst auf den letzten Metern kaum zurück, sodass ich fast wie über eine Tischkante klettere, als ich plötzlich oben bin – geschafft! Vor mir breitet sich eine karstige Hochfläche mit leichtem Gefälle nach hinten aus; sie erinnert irgendwie an eine bizarre Mondlandschaft. Unweit des Ausstiegs steht – stilistisch passend – die Laliderer-Biwakschachtel (ca. 2.500 m ü.M.), die einer Mondladefähre nicht unähnlich sieht. Schnell kommt Paul nachgeklettert und ein freundlicher Mann namens Peter – wie freundlich, sollten wir in den nächsten 12 Stunden noch erfahren – schießt ein paar Gipfelfotos von uns.

 

CIMG0043-1 Nun ist es halb 5 und wir haben keine Zeit zu verlieren, denn wir wollen durch die berüchtigte Spindlerschlucht absteigen bzw. abseilen, was nach diversen Berichten bis zu 4 Stunden dauern kann (oder auch einmal ein Biwak erfordern – diese zur Reihe „Biwakgeschichten“ gehörende Erzählung wurde mir von ihrem namhaften Autor für die entsprechende Rubrik im unterwegs bereits informell angekündigt). Die Beschreibung, wie man den Einstieg in diese Schlucht findet, hatte ich mir einige Male durchgelesen. Es führt nur ein einziger Pfad in die richtige Richtung und Peter sagt, dass die beiden Jungs (Finn und Lorenz), die gut zwei Stunden vor uns aus der Wand gekommen sind (Respekt!), ihn genommen haben; also muss es da wohl richtig sein. Wir eilen also gen Westen der Schlucht entgegen, doch das Gelände wird immer schrofiger, wegloser und steiler. Es hilft nichts, dass wir keuchend auf und ab klettern, es ist schlichtweg nicht zu sehen, wo der Einstieg in die Schlucht sein soll. Enttäuscht machten wir uns auf den Rückweg zur Biwakschachtel. Das gab ein schönes Hallo, denn die Schachtel ist für sechs Personen ausgelegt, und außer uns waren schon sieben da! Trotzdem sind alle guter Stimmung, die schier noch besser wird, als im Laufe des Abends weitere vier Männer eintreffen und sich auch noch Regen und Sturm ankündigen (mit der Folge, dass alle – auch die, die eigentlich draußen biwakieren wollten – in die Schachtel müssen). Doch erst einmal bin ich froh, dass Peter Schnee geschmolzen hat und Töpfe mit Wasser auf dem Tisch stehen; ich trinke wie ein Kamel. CIMG0042-1 Dann essen wir unser verbliebenes Vesper; außerdem kocht uns Peter – der inzwischen festgestellt hat, dass wir uns kannten und schon vor rund 30 Jahren ein, zwei Wochenenden mit gemeinsamen Münchener Freunden zusammen beim Klettern verbracht hatten - eine Suppe dazu; Schnaps wird von einer fidelen Gruppe Wanderer gereicht. Nebenher versuchen wir telefonische Auskünfte einzuholen, wo diese verflixte Spindlerschlucht zu finden sei. Der auf Umwegen kontaktierte Finn ruft freundlicher Weise mein Handy an, doch nach „Hallo David, hier ist Finn ...“ ist und bleibt die Verbindung unterbrochen. Wie schön, dass es noch Gegenden ohne (oder mit kaum) Mobilfunkempfang gibt! Einer der Biwakgäste bringt aber noch via Schmartfon in Erfahrung, dass für den kommenden Tag (Sonntag) schon vormittags mit Regen zu rechnen sei. Das zwingt Paul und mich zu einer Änderung der Abstiegspläne und wir entscheiden, tags darauf den (Um-)Weg über Scharnitz zu nehmen. Nach und nach kommen die Wanderer in die Schachtel, und siehe da: Alle 13 passen wir rein! Fünf der sechs Betten werden zweifach belegt (auch Paul und ich teilen uns ein Lager), zwei Leute legen sich in den schmalen Raum unter den Betten und einer in die Mitte. Während noch gescherzt und geplaudert wird, döse ich angenehm hinweg. Allerdings werde ich nach einer Stunde von Waden- und Innenseite-Oberschenkel-Krämpfen geweckt und muss mich eine Zeitlang hinstellen und dehnen. Damit meine Zehen die lange Kletterstrecke ertragen, hatte ich weiche und nicht zu enge Kletterschuhe angezogen, aber die Weichheit der Schuhe wurde mit verstärktem Wadeneinsatz bezahlt, und die Muskeln melden auf diese Weise ihren verspäteten Protest an. Ansonsten verbringen wir eine geruhsame Nacht. Die Morgendämmerung bekommt man in dieser Biwakschachtel ohne Weiteres mit, denn das Dach besteht aus einer Plexiglas-Panorama-Kuppel.

 

CIMG0027-1 Um 5:30 Uhr stehen wir auf und wandern 1.300 Hm abwärts in das zunehmend grüner werdende Hinterautal bis zur Kastenalm (1.220 m). Dort stehen mindestens 30 Mountainbikes herum, denn zum einen geht es von hier aus zum bekannten Hallerangerhaus der DAV-Sektion Schwaben, zum anderen führt eine 15 km Schotterpiste nach Scharnitz. Die hätten wir nun wirklich nicht laufen mögen. Zum Glück verkehrt hier ein „Alpen-Taxi“, das die Chefin der Kastenalm für uns herbeitelefoniert, und nochmals zum Glück hatte ich in das mitgenommene Erste-Hilfe-Päckchen noch einen 50-Euro-Schein gesteckt, der zur Bezahlung (45 €) reichte. Der Taxifahrer war Mitglied der Bergwacht und hatte während der 45 Minuten dauernden Fahrt einige Geschichten auf Lager, so auch die Information, dass die Markierungen auf dem Weg zur Spindlerschlucht ab und zu von irgendwelchen Menschen beseitigt werden (Steinmännchen umtreten, Farbmarkierungen grau übermalen usw.).

 

Am Ende der Fahrt kommt der Clou: In Scharnitz steigen wir direkt um in Peters Auto. Peter war nach uns in der Biwakschachtel gestartet, hatte uns aber mit dem weit oben geparkten Mountainbike eingeholt und war dem Taxi voraus nach Scharnitz gefahren. Aus reiner Menschenfreundlichkeit chauffiert er uns die (sage und schreibe) 55 Straßenkilometer von Scharnitz zur Engalm und bezahlt auch noch eine der beiden Mautstraßen für uns, weil unsere verbliebenen 5 Euronen nur für eine reichten. Ja, der Umweg ist riesig. Direkt neben der Biwakschachtel kann man vom Rand der Lalidererwand aus direkt auf die Falkenhütte herunter sehen; Luftlinie sind das ca. 2 km. Auf dem Weg über Scharnitz sind es hingegen rund 75 km! Dank Peter schaffen wir den Straßenabschnitt flott, sehr flott. Sein Japanerbus ist, wie er mir erklärt, schmaler als mein VW-Bus, und die Außengrenzen seines Fahrzeugs scheint Peter milimetergenau im Blut zu haben. Mehrmals bin ich mir sicher, dass die Kollision mit Gegenverkehr oder Randbegrenzung nun unvermeidlich ist, aber ich bin eben meinen VW-Bus gewohnt und es passt dann doch. CIMG0037-1 Wir erreichen schließlich unseren treuen VW-Bus am Engalm-Parkplatz, können ihn aber nicht öffnen, weil die Autoschlüssel im Gepäck auf der Falkenhütte verblieben sind. Jetzt müssen wir „nur noch“ eben zur Falkenhütte hoch und wieder zurück. Ein paar Regenschauer erfrischen uns und und trösten uns zugleich, indem durch sie die Entscheidung, nicht abgeseilt zu haben, ein bisschen bestätigt wird. Gegen Mittag nach (mangels Gepäck mühelosem und schnellem) Aufstieg auf der Falkenhütte angelangt, essen wir uns erst mal mit unserem dort hinterlassenen restlichen Müsli wieder richtig satt. Der Abstieg mit Sack und Pack geht wie im Flug, und weil auch noch der Staugott nachsichtig mit uns ist, schaffen wir es zu einem späten Sonntagabendessen nach Hause.

 

Fazit: Eine großartige Tour durch einen der größten Bruchhaufen der Alpen!

 

David Greiner

 
 
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